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Frauennotruf

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Lebensnaher, zugleich bestürzender Vortrag

200 Frauen fanden sich zum Neujahrsfrühstück es Bezirkslandfrauenvereins in der Schottener Festhalle ein

Schotten (em). Kaffeeduft, Stimmengewirr, ein Gläschen Sekt zum Empfang – 200 Landfrauen aus dem Schottener Bezirksverein konnte die Vorsitzende Monika Hild beim traditionellen Neujahrsfrühstück in der Schottener  Festhalle begrüßen.

Mit heiter-nachdenklichen Versen von Wilhelm Busch eröffnete sie und sprach die Gemeinschaft der unterschiedlichen Frauen an, die sich doch in vielseitiger Vereinsarbeit verbunden fühlen. Für musikalische Facetten sorgte der gemeinsame Chor der Landfrauen aus Eschenrod und Wingershausen. Von Heike Strauch am Keyboard begleitet, sangen sie Volkstümliches mit einem Hauch Nostalgie und holten sich lebhaften Applaus.

Und schon lockte mit Deftigem und Süßem das Frühstücksbüffet. Leckeres aus den Küchen der Landfrauen- selbst gemixte Brotaufstriche, Marmeladen aus eigenen Gartenfrüchten, pikante gefüllte Eier – kaum etwas fehlte. In Ruhe essen, Zeit genug, um ein Schwätzchen mit Freundinnen, Verwandten, Frauen aus anderen Ortsvereinen zu halten, das gehört zu den beliebtesten Elementen des Neujahrsfrühstücks.

Aber ebenso will man sich Informationen und Anregungen holen und lädt deshalb immer sachkundige Referentinnen ein. In diesem Jahr konnte Monika Hild Christa Mansky und Ulla Seipel, Mitarbeiterinnen des Frauennotrufs in Nidda, begrüßen, und auch Vorstandsmitglied Barbara Velden war gekommen. Ein Extra-Dankeschön gab es, weil die Notruf-Frauen rasch und unkompliziert zum Vortrag bereit waren, denn die vorgesehene Referentin hatte kurzfristig abgesagt. Mit einer PowerPoint-Präsentation verdeutlichte Christa Mansky nicht nur die vielseitige Arbeit ihrer Institution, sondern auch das Ausmaß der Gewalt an Frauen und Kindern in unserer Gesellschaft. Die Soziologin arbeitet seit acht Jahren in der Niddaer Beratungsstelle und ergänzt sich gut mit Ulla Seipel, die den Notruf 1987 mitbegründete und zunächst als Ehrenamtliche, dann als Teilzeitkraft in das Projekt hineinwuchs.

Körperliche, seelische, sexualisierte, soziale, wirtschaftliche Unterdrückung, Stalking – Christa Mansky zeigte auf, dass Gewalt viele Gesichter haben kann. Sie stellte die Ergebnisse einer Studie vor, für die 10 000 Frauen zwischen 16 und 85 Jahren befragt wurden. Offensichtlich kein seltenes Phänomen: 37 Prozent gaben an, körperliche Gewalt erlitten zu haben, 58 Prozent nannten sexuelle Belästigung, 42 Prozent psychische Gewalt, 25 Prozent hatten in einem so aggressiven Milieu gelebt, dass sie verschiedenen Gewaltformen ausgesetzt waren. Leider handelte es sich häufig um das Verhalten von Ehemann oder Lebenspartner und war nicht etwa ein Phänomen von Randgruppenfamilien: „Gewalttätiges Verhalten findet sich unabhängig von Alter, Religion, Nationalität und Schichtzugehörigkeit“, betonte Mansky. Auch Polizeistatistiken bestätigten: in 96 Prozent der Fälle seien die Täter männlich, die immer schlimmeren Übergriffe steigerten sich en einem langsamen Eskalationsprozess. Gerade weil es zwischendurch immer wieder „gute“, relativ gewaltfreie Phasen gebe, falle es den Frauen schwer, die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Gefährlich sei zum einen die langfristige körperliche und seelische Verelendung von Gewaltopfern, aber auch die Phase der Trennung, wo der Partner mit allen Mitteln versuche, die Frau festzuhalten. Kinder seien nicht nur verstörte Beobachter der aggressiven Szenen, sondern selbst gefährdet. In Gewaltfamilien würden Kinder nachweislich siebenmal häufiger geschlagen als in einer Umgebung mit friedlichen Konfliktlösungen. Verletzungen, schwere Ängste, psychosomatische Erkrankungen – kurz: gravierende Entwicklungsrisiken für Kinder – seien die Folge, aber auch Persönlichkeitsstörungen, die im Erwachsenenalter die Grundlage von Alkohol- oder Drogensucht, Depressionen, eigener schwerer Gewalttätigkeit oder passiver Opferhaltung sein könnten. Wie kann nun der Frauennotruf Betroffenen helfen?

Zum einen durch Beratung. Die betroffenen Frauen können eine Perspektive entwickeln, wie sie zumindest der häuslichen ‚Gewalt Grenzen setzen können oder – da dies oft nicht mehr möglich ist – wie Trennung und Entwicklung einer eigenständigen Lebenssituation mit den Kindern organisiert werden kann. Zu den Interventionsmöglichkeiten des Notrufs gehört etwa die Vermittlung an weitere Hilfsorganisationen oder das Nutzen des Gewaltschutzgesetzes, 2002 verabschiedet, mit dem Verweis des aggressiven Partners aus der gemeinsamen Wohnung. Die Öffentlichkeitsarbeit des Notrufs hat das Ziel, mehr Verständnis und Unterstützung für Gewaltopfer aufzubauen, aggressivem Verhalten gegenüber Frauen und Kindern die Bagatellisierung als „Kavaliersdelikt“ zu nehmen, gewaltfreie Konfliktlösungen und Partnerschaftlichkeit als ein Ziel der Kindererziehung zu fördern. „Gewalt kostet unsere Volkswirtschaft Millionen, vom Elend der Betroffenen einmal abgesehen. Sie setzt sich in der nächsten Generation fort, wenn ihr kein Einhalt geboten wird“, betonte Mansky und zeichnete die Entwicklung ihrer Institution mit 1,8  fest Angestellten und etlichen Ehrenamtlichen von 1987 bis heute auf. Kostenlose Beratung, Verschwiegenheit nach außen, Frauenparteilichkeit sind die Grundmerkmale der Arbeit. Monika Hild bedankte sich für den ebenso lebensnahen wie bestürzenden Vortrag. Die Spenden des Frauenfrühstücks kommen diesmal dem Notruf zugute.

Quelle: Kreis-Anzeiger, 08.01.2007

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